Die erste Runde
Ich freue mich so, dass ihr mich hier begleitet. Was euch erwartet? Manchmal werden es sachliche Berichte, manchmal politische Themen aber auch Poetisches. 🧡
Über Quito
Eine Stadt, die manchmal zu laut, zu dreckig, zu schnell ist. Die Stadt ist verpestet von Müll und Abgasen und trotzdem gibt es so viel Schönheit. Sie trotzt vor Schönheit, die nicht dem konventionellen, westlichen Schönheitsideal entspricht.
Las montañas umarmen die Stadt und wiegen die fast 3 Millionen Einwohner in ihren Armen. Man fühlt sich wie ein bisschen beschützt. Ein Blick nach oben und alles fühlt sich besser an.
Die bunten Häuser schmiegen sich den gigantischen Bergen an und es scheint als ob sie gleich die Hänge herunterpurzeln würden.
Meistens riecht es nach Abgasen aber merkwürdigerweise am meistbefahrensten Kreisverkehr der Stadt liegt ein Park mit Kiefern und für wenige Sekunden kann man die Natur riechen.
Ich genieße jeden Moment, bei dem ich an die Natur erinnert werde.
Von einigen Ecken der Stadt kann man den Cotopaxi, dem mittagschlafenden Giganten, sehen und von der Flughafen-Autobahn sogar den Cumbaya. Eine Erinnerung an die Macht der Natur.
Schönheit ist in den Regenbögen, die in den Tróles (eines der Fortbewegungsmittel hier) im Eingangsbereich scheinen, es muss an irgendeiner Kombination aus Fenster und Sonne liegen.
Nachts glitzert die Stadt, vor allem wennn sie zuvor in den warmen Farben des Sonnenuntergangs getaucht wurde.
Und sogar in dem Schutz vor Kriminalität findet sich Schönheit, obwohl es einen bitteren Beigeschmack hat: in den bunten zerbrochen Scheiben und Flaschen, die viele Mauern schmücken und vor Einbrüchen schützen sollen.
Schönheit ist überall.
Über el amor:
Hier wird Liebe anders geschrieben.
In Grossbuchstaben und ganz nah aneinander. Die Buchstaben verschmelzen miteinander.
Die Pärchen umarmen sich ganz innig, überall, im Bus, beim Laufen auf dem Gehweg, was bei uns ganz schnell als too much abgestempelt wird.
Aber wie mir eine neue Freundin hier sagte: Liebe ist alles. Nicht nur Partnerschaft. „Love is everything. Family, friends, colibris.“ Ich hatte ihr zuvor erzählt, dass ich fast immer kurz schreie wenn ich einen Kolibri sehe, weil ich mich so freue.
Liebe ist in der Familie, in der ich aufgenommen wurde. Sie nennen sich die „peluches“ - die Teddybären. Meine Gastmama hat mir aber schnell erklärt, dass nicht alle Familien hier so sind. Es sei etwas besonderes, wie sie sich gegenseitig helfen.
Jede Woche sehen sie sich mindestens einmal - die, die nicht in Ecuador leben, werden bei jedem Familienfest dazugeschalten und jeder wird geliebt und unterstützt. Um die Oma (Hier Abuelita genannt), um die Kinder kümmern sich alle zusammen, egal ob Mama da ist oder nicht.
Liebe ist in der Natur, im Sonnenuntergang, den bunten Blumen in den abgesperrten Vierteln, in den Kolibris, in dem seltenen Vogelgesang, in den kurzen Momenten in denen man den Cotopaxi sehen kann.
Liebe ist in der „kindness“ der Menschen, in der Frau im Bus, die mit meiner finnischen Freundin und mir ein Gespräch beginnt und von ihren Kindern in Deutschland erzählt, in der Frau, die mich besorgt fragt wo ich denn hinmüsse, nachdem ich zum 3. Mal aus dem Bus aussteige, weil er nicht dorthin fährt wo ich hin muss.
Liebe ist in dem besorgten Busfahrer, der mir wirklich versucht zu sagen wo ich hin muss und welchen Bus ich nehmen muss.
Liebe ist in den Freunden meiner Gastschwester, die einem völlig neugierig und offen begegnen.
Liebe ist in der Familie des Freundes meiner Gastfamilie, die sie wie eine Tochter aufgenommen haben.
Liebe ist in den Kindern (huavas?- das Kichwa-Wort für Kinder), mit denen ich arbeiten darf, die uns gleich minutenlang umarmen.
Liebe ist in der Kindergärtnerin der Schule, die mit den kleinen Kindern Drachen bastelt.
Liebe ist in jedem cuidate, pass auf, dass jeder zu jedem sagt.
Liebe ist in der Eisverkäuferin, die uns eine Waffel zaubert.
Liebe ist in jedem „mija“ und „amor“, dass man hier viel schneller um sich wirft.
Liebe ist in unserer Spanischlehrerin, die uns Wortwitze und colloquial Spanisch beibringt.
Liebe ist in den Mahlzeiten, besonders von meiner Gastmama, die unfassbar gut kochen kann, die ihren eigenen kleinen Garten hat und auf gar keinen Fall Essen verschwenden will.
Liebe ist in jedem Witz, den meine Gastmama erzählt, obwohl ich ihn vielleicht nicht verstehen könnte und ihre Ambition etwas Englisch zu sprechen, aber meist nur bei Dingen die ich im Spanischen problemlos verstehen würde.
Liebe ist überall. Ganz groß, ganz eng.
Über das Lernen:
Ich habe mein Abitur in der Tasche und dennoch lerne ich so viel wie nie zuvor. Alles ist neu. Am Anfang hat mich der Gedanke daran beispielsweise hier einen Bus zu nehmen fast gelähmt aber mittlerweile mag ich es schon fast. Denn hier gibt es niemanden, der Haltestellen ansagt, keine Nummern an den Bussen und man muss oft winken wenn man einsteigen möchte.
Ich lerne alles neu, aber dann doch nicht ganz alles.
Ich lerne Geduld zu haben, mit mir selbst, mit anderen, mit dieser Stadt, diesem Land, meinem Erlernen der Sprache, meiner Gastfamilie.
Es braucht Zeit. Und ganz oft ergeben sich die Dinge dann.
Ich lerne zu vertrauen, dass die Dinge schon funktionieren werden, dass das Leben gut ist und besser wird. Ich hatte so viel Angst davor, hier her zukommen, wenn ich ehrlich bin. So viele gewohntes hinter mir zu lassen. Aber jetzt bin ich so froh, dass ich hier bin.
Ich lerne, dass meine Vorurteile mich täuschen, dass hinter manchen Personen Gold steckt.
Und natürlich nebenbei über die Situation vor Ort und ganz viel mehr.
Ich hoffe, ich höre nie auf zu Lernen.
Das war es für heute. Viel Liebe und un abrazo de Quito.











